Welche Faktoren beeinflussen die Gehqualität?

Obwohl sich der Fußverkehr in Deutschland als ein geeignetes Mittel zur Lösung sozial-politischer Probleme wie Fettleibigkeit, Rohstoffabhängigkeit, Klimawandel, etc. herausgestellt hat, wurden im Vergleich zu anderen Verkehrsmitteln relativ wenig Studien zur Verbesserung seiner infrastrukturellen Situation betrieben. Dabei wäre es von großem Vorteil auf ein standardisiertes Qualitätsbewertungsverfahren zurückgreifen zu können, mit Hilfe dessen die erforderliche Mindestqualität an Fußverkehrsanlagen sowohl für das Bestandsnetz als auch für geplante Aus-, Um- oder Neubaumaßnahmen sichergestellt werden kann.

Einflussfaktoren auf die Qualität
Abbildung 1: Zusammenhang zwischen den objektiv messbaren und subjektiv empfundenen Einflussfaktoren auf die Gesamtqualität der Fußgängerverkehrsanlage in Anlehnung an das Linsenmodell von Brunswik (1956, 1959) (eigene Darstellung, 2014).

Fußgängerorientierte Verkehrsplanung hat sich unter anderem international als ein wichtiger Aspekt zur Reduzierung von Verkehrsunfällen und Luftverschmutzung herausgestellt (Joo & Jun, 2011, S. 1). Einige amerikanische Studien wie die von Humpel et al. (2002), welche die Beziehung zwischen der Fußgängerinfrastruktur (Build Environment) und der Fußgängeraktivität untersucht haben, fanden heraus, dass ein starker Zusammenhang zwischen den wahrgenommenen Umweltattributen wie Attraktivität, Komfort oder Sicherheit und der Wahrscheinlichkeit einer physischen Aktivität besteht (Owen et al., 2004, S. 68). Um das verkehrspolitisch erstrebte Ziel einer Steigerung des Fußverkehrsaufkommens anzukurbeln, sind es daher vor allem die Planungs- und Infrastrukturmaßnahmen, die im Fokus der Fußverkehrsstrategien zu thematisieren sind.

Der Grundgedanke dabei ist, dass Verkehrsingenieure anhand der vorherrschenden Qualität einer Fußverkehrsinfrastruktureinrichtung feststellen können, ob diese zu einer Steigerung des Fußverkehrsaufkommens beiträgt oder gegebenenfalls planerische oder bauliche Maßnahmen anzusetzen sind. Um dies zu bewerkstelligen, sind objektive und messbare Verfahren bzw. Methoden nötig, mit denen man effektiv die Fußverkehrsanlagen sowohl im Planungsprozess als auch im Bestand evaluieren kann. Schwachstellen könnten somit identifiziert und Verbesserungsvorschläge priorisiert werden.

Bevor derartige Bewertungsverfahren für die Anlagen des Fußverkehrs entwickelt werden können, ist es die Aufgabe zu identifizieren, welche, und noch wichtiger in welchem Maß, Umweltattribute Einfluss auf die Qualitätsempfindung der Fußgänger haben. In der Vergangenheit haben sich bereits einige internationale Vorreiterstudien mit dieser Fragestellung beschäftigt. Einigungen über genaue Einflussfaktoren und Einflussgrößen konnten bisher nicht getroffen werden. Ziel dieser wissenschaftlichen Arbeit soll es daher sein, die Grundlage für ein standardisiertes und objektiv messbares Qualitätsbewertungsverfahren für innerstädtische, straßenbegleitende Fußverkehrsanlagen in Deutschland zu entwickeln, da gerade dort die Konfliktfelder zwischen dem Fußverkehr und den anderen Verkehrsarten am größten sind.

Datenerfassung

Mit Hilfe einer Online-Befragung wurde analysiert, welchen Einfluss ausgewählte Umweltfaktoren (bspw. Gehwegbreite, parkende Fahrzeuge, Vorhandensein eines Grünstreifens usw.) auf die Qualitätsempfindung der Fußgänger haben. In Anlehnung an das Linsenmodell nach Brunswik (1956) kann man allgemein zwischen objektiver und subjektiver Gesamtqualität unterscheiden (siehe Abbildung 1). Die objektive Gesamtqualität repräsentiert dabei die „wahre“ bzw. die tatsächlich messbare Qualität der Fußverkehrsanlage, welche durch „quantitative Faktoren“ wie beispielsweise der Gehwegbreite, Fußverkehrsdichte, Radverkehrsdichte usw. definiert wird. Aus der Umweltwahrnehmungstheorie von Brunswik (1956) geht hervor, dass Personen ihre Umwelt nicht genau so wahrnehmen, wie sie objektiv gesehen ist, sondern dass sie lediglich Hinweise der Umwelt in bestimmter Wichtung wahrnehmen und daraus ein subjektives Wahrnehmungsabbild, beschrieben durch die „qualitativen Faktoren“, entsteht (Gifford, 2007, S. 29).

Ein Passant nimmt somit nicht direkt die Gehwegbreite sondern eher das Gefühl der Bewegungsfreiheit bzw. Bewegungseinschränkung wahr. Ziel dieser Diplomarbeit war es, die Grundlage für ein Bewertungsverfahren zu entwickeln, mit Hilfe dessen die subjektiv empfundene Gesamtqualität einer Fußverkehrsanlage anhand objektiv messbarer Einflussfaktoren eingestuft werden kann. Als subjektive Qualitätsindikatoren wurden die Verkehrssicherheit (alle auf einen Verkehrsunfall mit Kfz- oder Radverkehr bezogenen Ängste oder Sorgen), die soziale Sicherheit (alle Empfindungen in Verbindung mit Gewaltverbrechen oder kriminellen Übergriffen), die Bewegungsfreiheit (Grad der Unbeschwertheit des Fortbewegens bzw. der räumlichen Enge) und die Attraktivität (alle Empfindungen bezüglich des visuellen Erscheinungsbildes des Gehweges) einbezogen. Neben den Umweltfaktoren wurde außerdem der Einfluss der personenbedingten Faktoren (z.B. Alter, Geschlecht, Urbanität usw.) hinsichtlich der Qualitätsbewertung von straßenbegleitenden Fußverkehrsanlagen untersucht.

Durch die Online-Befragung konnte eine hohe Kontrolle über die Störvariablen durch Konstanthaltung der verschiedenen Umweltfaktoren (z.B. Wetter, Verschmutzungsgrad, Kfz-Verkehrsaufkommen, etc.) gewährleistet werden. Insgesamt wurden, neben den in Abbildung 1 dargestellten quantitativen Faktoren, 10 weitere objektiv messbare Faktoren auf ihren Einfluss auf die Qualitätsbewertung von innerstädtischen, straßenbegleitenden Fußverkehrsanlagen analysiert. Um herauszufinden, welche Umweltfaktoren welchen Einfluss auf die subjektive Qualitätsempfindung haben, sollten Teilnehmer der Online-Befragung systematisch bearbeitete Bilder bewerten (siehe Abbildung 2).

Die verschiedenen quantitativen Faktoren wurden in den visuellen Abbildungen in festgelegten Kombinationen miteinander variiert. Die Anzahl der möglichen Kombinationen war jedoch durch den lediglich zumutbaren Zeitumfang der Online-Befragung von maximal 15 Minuten begrenzt, sodass sinnvolle Abwägungen getroffen werden mussten. Insgesamt ergaben sich 60 verschiedene Testfälle, die in den Bildern der Online-Befragung umzusetzen waren. Jedes Bild sollte anhand der gleichen Fragestellung bezüglich der qualitativen Faktoren evaluiert werden. Neben der eigentlichen Bildbewertung wurden außerdem ausgewählte soziodemografische Merkmale der teilnehmenden Person erfragt.

Darstellung eines Testbildes
Abbildung 2: Visuelle Darstellung des Testfalls Nr. 26 aus der Querschnittsperspektive (eigene Darstellung, 2014).

Am Ende jedes Fragebogens stand außerdem die Aufgabe, die qualitativen Faktoren allgemein, ohne Bezug auf eine bestimmte Straßenraumsituation, nach deren Wichtigkeit für die Qualitätsempfindung einzustufen.

Insgesamt nahmen 591 Personen an dem 29 Tage online gestellten Internet-Fragebogen dieser Diplomarbeit teil. Rund 67 % dieser befragten Teilnehmer (396 Personen) hatten den Fragebogen bis zur letzten Seite ausgefüllt.

Ergebnisse

Zu Beginn der Auswertung wurde die Beziehung zwischen den qualitativen Einflussfaktoren und der subjektiven Gesamtqualitätsempfindung der Fußverkehrsanlage untersucht.

Anhand der Ergebnisse der linearen Regressionsanalyse ist davon auszugehen, dass das optische Erscheinungsbild des Gehweges den wichtigsten Indikator zur Beurteilung der globalen Gesamtqualität der Fußverkehrsanlage darstellt.

Bei der quasi indirekten Auswertung der allgemeinen Qualitätsindikatorwichtung (ohne Bezug auf eine bestimmte Straßenraumsituation) konnte, im Gegensatz zu den Erkenntnissen aus der linearen Regressionsanalyse, festgestellt werden, dass die Angst vor Verkehrsunfällen die wichtigste Größe für die globale Qualitätseinschätzung einer Fußverkehrsanlage darstellt und das optische Erscheinungsbild nur eine untergeordnete Rolle spielt.

Im zweiten Auswertungsschritt wurde der Einfluss der quantitativen Faktoren auf die qualitativen Faktoren untersucht (siehe Tabelle 1). Die empfundene Verkehrssicherheit ist aus Sicht der zu Fuß Gehenden stark von der räumlichen Separation zwischen dem Fuß- und dem fließenden Kfz-Verkehr abhängig. Gehwege mit einem räumlichen Puffer zum Autoverkehr in Form eines Radweges, Grünstreifens oder einer längsgerichteten Stellplatzanordnung für den ruhenden Verkehr werden als signifikant sicherer vor Verkehrsunfällen empfunden als Gehwege ohne diese räumliche Abgrenzung. Indirekt fließt auch die Breite des Gehweges in die räumliche Separation mit ein. Bei der bewerteten Bewegungsfreiheit spielt ebenfalls die räumliche Separation der beiden Verkehrsarten eine entscheidend positive Rolle. Zusätzlich haben Ausstattungsmerkmale Einfluss auf die bewertete Unbeschwertheit des Fortbewegens. Neben Litfaßsäulen empfinden Fußgänger Fahrradständer oder Auslegware als signifikant bewegungseinschränkend. Die Attraktivität bzw. das Erscheinungsbild des Gehweges wurden größtenteils signifikant positiv durch Grünstreifen mit Baumalleen und dem Vorhandensein eines Radweges geprägt.

Im letzten Auswertungsschritt dieser Diplomarbeit konnte der statistische Nachweis erbracht werden, dass neben den umweltbezogenen Faktoren auch die soziodemografischen Merkmale der Befragungsteilnehmer signifikanten Einfluss auf die subjektive Qualitätsbewertung von innerstädtischen, straßenbegleitenden Fußverkehrsanlagen haben (siehe Abbildung 3). Jüngere, in einer Vorstadt wohnende und/oder mobilitätsuneingeschränkte Personen empfinden innerstädtische, straßenbegleitende Fußverkehrsanlagen als signifikant verkehrssicherer und als weniger bewegungseinschränkend als ältere, im Stadtzentrum lebende und/ oder mobilitätseingeschränkte Personengruppen.

Personenbedingte Faktoren
Abbildung 2: Mittlere Ränge der drei personenbedingten Faktoren Alter, Mobilitätseinschränkung und Wohnort für die subjektiven Qualitätsindikatoren nach Kruskal-Wallis-Test (eigene Darstellung, 2014).

Fazit und Ausblick

In dieser Diplomarbeit ist es gelungen, mit Hilfe einer Online-Befragung, bei der die Teilnehmer systematisch bearbeitete Bilder von Straßenräumen anhand ausgewählter Qualitätsindikatoren zu bewerten hatten, einen statistischen Zusammenhang zwischen ausgewählten objektiv messbaren und subjektiv empfundenen Einflussfaktoren zur Qualitätsempfindung von Gehwegen nachzuweisen. Somit konnte eine Grundlage für ein standardisiertes Qualitätsbewertungsverfahren für innerstädtische, straßenbegleitende Fußverkehrsanlagen in Deutschland geschaffen werden.

Erstmalig wurde gezielt versucht, die älteren Personengruppen und die Mobilitätseingeschränkten mit in die Qualitätsuntersuchung einfließen zu lassen. Diese Studie ergab, dass die qualitativen Einflussfaktoren mit unterschiedlicher Wichtung in die subjektive Gesamtqualitätsbewertung von Fußverkehrsanlagen eingehen. Bei der Frage nach der genauen Wichtungsverteilung entstanden durch unterschiedliche Auswertungsverfahren zwei stark voneinander abweichende Tendenzen. Auf eine endgültige Beeinflussungstendenz konnte anhand der vorliegenden Daten keine Festlegung erfolgen.

Für mögliche, zukünftig an diesem Thema anknüpfende Studien wäre eine Überprüfung der Generalisierbarkeit der in dieser Diplomarbeit getroffenen Aussagen mittels alternativer Datenerfassungsmethoden wie Feldstudien oder Vor-Ort-Befragungen vorteilhaft. Des Weiteren ist es interessant zu erfahren, in welchem Zusammenhang die hier einbezogenen objektiv messbaren Umweltfaktoren zu anderen, bisher unerschlossenen, Umweltattributen des Straßenraumes stehen. Obwohl in dieser Diplomarbeit bereits versucht wurde, gezielt schwächere Verkehrsteilnehmer wie die älteren und die mobilitätseingeschränkten Personen in die Analyse einzubeziehen, ist es unter dem Hintergrund des demografischen Wandels für zukünftige Fallstudien enorm wichtig, solche Personengruppen fokussierter in die Qualitätsbewertungsanalyse einfließen zu lassen.

Untersuchenswert ist außerdem die unterschiedliche Qualitätswahrnehmung bzw. -bewertung von straßenbegleitenden Fußverkehrsanlagen bei Tages- und Nachtverhältnissen. Aus den Anmerkungen der Teilnehmer ging hervor, dass einige dargestellte Situationen in den Bildern bei Dunkelheit anders bewertet worden wären. Da die Fußverkehrsanlage auch bei Nacht eine hinreichende Qualität für die zu Fuß Gehenden gewährleisten soll, ist dieser in der Literatur bisher unberührte Untersuchungsschwerpunkt für anknüpfende Studien zu berücksichtigen.

In Kürze

Mit Hilfe einer Online-Befragung, bei der die Teilnehmer systematisch bearbeitete Bilder von Straßenräumen anhand ausgewählter Qualitätsindikatoren zu bewerten hatten, ist es gelungen, einen Zusammenhang zwischen ausgewählten objektiv messbaren und subjektiv empfundenen Einflussfaktoren zur Qualitätsempfindung von Gehwegen nachzuweisen. Somit konnte eine Grundlage für ein standardisiertes Qualitätsbewertungsverfahren für innerstädtische, straßenbegleitende Fußverkehrsanlagen in Deutschland geschaffen werden.

Literatur:

    • Gifford, R. (2007). Environmental Psychology - Principles and Practise (Bd. Fourth Edition). University of Victoria.
    • Joo, E. H., & Jun, C. (2011). Green Score: An Evaluation Scheme for Pedestrian Environment. Geospatial World Forum, Dimensions and Directions of Geospatial Industry.
      • Owen, N., Humpel, N., Leslie, E., Bauman, A., & Sallis, J. F. (2004). Understanding Environmental Influence on Walking - Review and Research Agenda. American Journal of Preventive Medicine (Volume 27, Nummer 1), 67-76.

 

Dieser Artikel von Paul Rehbein ist in mobilogisch! , der Vierteljahres-Zeitschrift für Ökologie, Politik und Bewegung, Heft 4/2014, erschienen. 

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