In letzter Zeit gibt es viele Kampagnen, mit dem Ziel, Konflikte zwischen Fußgängern und Radfahrern zu entschärfen. Zentrales Element ist die Kommunikation, also das Ansprechen der einzelnen Verkehrsteilnehmer. Diese sollen über Konflikte Informiert werden, damit diese im besten Fall gar nicht erst entstehen.

Radfahren liegt im Trend, immer mehr Menschen steigen aufs Rad. Das lässt sich nicht nur in der Bundesrepublik an den Modal Split-Zahlen ablesen. Die vielen positiven Effekte, die ein steigender Rad- und Fußverkehr mit sich bringen, sind hinlänglich bekannt: Städte werden durch weniger motorisierten Individualverkehr (MIV) lebenswerter, der gesundheitliche Nutzen in der Bevölkerung ist hoch und es entstehen weniger klimarelevante Treibhausgase, um nur einige zu nennen.

Der Anteil des Fußverkehrs ist in vielen großen Städten ebenfalls recht hoch, so liegt dieser in München beispielsweise bei 28 Prozent (2010) und in Berlin bei 30 Prozent (2008). Mittlerweile sind diese Zahlen weiter gestiegen, so machen in den beiden genannten Städten der Rad- und Fußverkehr knapp die Hälfte des Modal Splits aus. Trotz allem Positivem an dieser Entwicklung darf man auch die Kehrseite nicht verkennen: vermehrte Konflikte zwischen Radfahrern und Fußgängern.

Die Ursachen für Konflikte sind vielfältig

Ein oft genannter Grund für Konflikte ist der geringe Platz, der Radfahrern und Fußgängern zur Verfügung steht. In vielen Fällen bewegen sie sich auf engem Raum unmittelbar nebeneinander. Schon ein Schritt auf dem Radweg oder ein Überholmanöver auf dem angrenzenden Gehweg führen nicht selten zu brenzligen Situationen.

Wahrnehmung des Konfliktes

Konflikte im Straßenverkehr haben in letzter Zeit in der öffentlichen Wahrnehmung deutlich an Raum eingenommen. Der Spiegel titelte beispielsweise im September 2011: „Der Straßenkampf - Rüpel-Republik Deutschland“. Aber auch im direkten Gespräch mit Bürgern wird diesem Konflikt viel Bedeutung beigemessen. In einigen Städten wird diese Auseinandersetzung nun gezielt durch Kampagnen angesprochen, oft mit dem Ziel ein besseres und entspannteres Miteinander zu fördern. Einige Kampagnen möchte ich an dieser Stelle kurz vorstellen.

München: Sicherheitsjoker und Broschüre

Im Rahmen der Kampagne „Radlhauptstadt München“, die seit 2010 für mehr Radverkehr und mehr Sicherheitsbewusstsein wirbt, gibt es zwei Elemente, die in diesem Kontext erwähnenswert sind. Als einer der ersten Bausteine, wurde der Radl-Sicherheitsjoker mit der (Foto)Intention eingesetzt, eine Figur direkt im öffentlichen Raum agieren zu lassen. So sollte er durch sein markantes Äußeres und auffällige Sprüche die Aufmerksamkeit aller Verkehrsteilnehmer auf sich ziehen. Ohne ein Ersatzpolizist zu sein oder auch in den Verkehr einzugreifen war es seine klare Rolle, Menschen auf eine sympathische Art und Weise für das Thema „Sicherheit im Straßenverkehr“ zu sensibilisieren.

Ein zweites Element ist die in 2012 erschienene Broschüre „Entspannt Mobil – Sicher unterwegs“, ein gemeinsames Produkt der Stadt München und des Polizeipräsidiums. In dem Flyer sind knapp und übersichtlich die wichtigsten Regeln zusammengefasst, die für ein entspanntes Miteinander zwischen Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer wichtig sind. (1)

Berlin und Freiburg: Rücksicht im Straßenverkehr

Die Kampagne startete 2012 mit einer zentralen fiktiven Figur: Christophorus, dem Schutzpatron der Reisenden, hier personifiziert als smarter junger Mann im hellblauen Anzug und zurückgegelten Haaren. Er ist verzweifelt, da er seine Aufgabe, die Menschen sicher von A nach B zu begleiten, nicht mehr erfüllen kann. Nun trifft Christophorus auf junge Werber und ändert sein Image und seine Herangehensweise – er möchte Rücksicht nun als Produkt verkaufen. Über Videoclips auf youtube, Broschüren, Auftritte im Internet und weitere öffentlichkeitswirksame Maßnehmen erklärt er gängige Gefahrensituationen und wie man diese mit mehr Rücksicht entschärfen kann. (2)

Wien: tschuldigen ist nie verkehrt

Ebenfalls in 2012 startete die Kampagne „tschuldigen ist nie verkehrt“, initiiert durch die Stadt Wien. Besonders hervorzuheben ist die sehr breit gefächerte Partnerstruktur: Kuratorium für Verkehrssicherheit, Verbände wie den Auto-, Motor- und Radfahrerbund Österreichs (ARBÖ), Österreichischer Automobil-, Motorrad- und Touringclub (ÖAMTC), Verkehrsclub Österreich (VCÖ), Arbeitsgemeinschaft umweltfreundlicher Stadtverkehr (ARGUS), IG.Fahrrad, Walk Space, Taxi-Innung, FahrlehrerInnen, Arbeiterkammer und Wirtschaftskammer, Wiener Linien, Österreichischer Rollsport und Inline-Skate-Verband und Red Biker.

Diese breite Aufstellung an Partnern ermöglicht es, alle Verkehrsteilnehmer gleichermaßen und glaubwürdig anzusprechen. In Wien wurden vor Beginn der Kampagne in Workshops die einzelnen Problemfelder erarbeitet, die daraufhin die Grundlage der Kampagne bildeten. Zu den Punkten gehören unter anderem: Rücksichtslosigkeit, Wettkampfdenken und Zeitdruck. Den aktuellen Verlauf den Kampagne kann man auf der Webseite verfolgen. (3)

Lörrach: Wir schieben, wenn's eng wird

Im Rahmen der Initiative RadKULTUR, die unter anderem in Lörrach 2012 startete, wurde in der Fußgängerzone für mehr Rücksicht zwischen Radfahrern und Fußgängern geworben. Das fünf mal zwei Meter große Plakat hing im Herbst 2012 für zwei Wochen über der Fußgängerzone.

Eigene Initiativen: Lindwurmstraße München

Mitte des Jahres 2012 wurden in der Münchner Lindwurmstraße Bauarbeiten durchgeführt und für den Zeitraum der Radweg streckenweise als Radfahrstreifen auf die Straße verlegt. Die Lindwurmstraße ist bekannt für enge Geh- und Radwege und so ergriff die Münchner Umweltorganisation Green City e.V. die Initiative einer kleinen Kampagne zum Erhalt des Radfahrstreifens. Hauptargument für diesen ist die Sicherheit für Radfahrer und Fußgänger: Eine klare Trennung ihrer Verkehrsräume bedeutet mehr Platz, weniger unübersichtliche Situationen und mehr Sicherheit für beide.

Die zu diesem Zwecke gegründete Facebook-Seite erfreute sich großen Zuspruchs und konnte innerhalb weniger Tage über 500 Fans zählen. Am Straßenrand wurden kleine, an den „Gefällt mir“-Button aus Facebook anmutende Plakate, angebracht, um für die Kampagne zu werben. Der Radfahrstreifen wurde zwar nach den Bauarbeiten wieder abgeschafft, eine Umgestaltung der Lindwurmstraße wird aber derzeit vom Planungsreferat untersucht.

In Kürze

Während vor allem der Anteil des Radverkehrs in den Städten zunimmt und viel positives mit sich bringt, entstehen auch Konfliktsituationen zwischen Radlern und Fußgängern. In vielen Städten wird nun mit den Slogans „Rücksicht“, „Mehr Miteinander“ oder Ähnlichem für eine sichere und ent-spannte Mobilität geworben. Ein zentraler Pfeiler in der Kommunikation sind mittlerweile moderne Kommunikationsmittel wie das Internet und Soziale Netzwerke.

Quellen:

(1) Mehr Informationen unter www.radlhauptstadt.de

(2) Mehr Informationen unter www.rücksicht-im-strassenverkehr.de

(3) Mehr Informationen unter www.tschuldigen.at

(4) Weitere Informationen auf Facebook RadwegLindwurmstrasse

 

Dieser Artikel von Johannes Link ist in mobilogisch! , der Vierteljahres-Zeitschrift für Ökologie, Politik und Bewegung, Heft 4/2012, erschienen. 

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